Das Wassersystem La Palmas – Ingenieurskunst in Vulkangestein

La Palma ist eine wasserreiche Insel – doch dieses Wasser bleibt für das Auge fast unsichtbar. Es gibt keine großen Seen, kaum Flüsse und nur gelegentlich plätschert ein kleiner Bach durch die Barrancos. Was die Insel dennoch so üppig grün und lebendig hält, fließt tief unter der Erde und durch ein ausgeklügeltes Netz aus Kanälen, das die Menschen über Jahrhunderte in das harte Vulkangestein getrieben haben. Wer die Wanderung zu den Quellen von Marcos y Cordero unternimmt, erlebt dieses beeindruckende System unmittelbar.

Acequias im Lorbeerwald Los Tilos – jahrhundertealte Bewässerungskanäle La Palmas.
Acequias im Lorbeerwald Los Tilos – jahrhundertealte Bewässerungskanäle La Palmas.

Galerías – Waagerechte Stollen im Vulkangestein

Das wichtigste System zur Wassergewinnung auf La Palma sind die sogenannten Galerías. Dabei handelt es sich um nahezu waagerechte Stollen, die kilometerweit in das poröse Vulkangestein getrieben wurden, um wasserführende Schichten zu erschließen.

Das Geniale daran: Durch eine minimale Neigung fließt das Wasser ganz ohne Pumpen oder zusätzlichen Energieaufwand aus den Bergen heraus. Einige Galerien reichen mehrere Kilometer tief in den Vulkan hinein.

Wasser strömt durch einen der alten Tunnel des Marcos-y-Cordero-Bewässerungssystems

Auf La Palma existieren heute über 200 aktive Galerien. Vor allem in den wasserreichen Nord- und Ostteilen der Insel sammeln sie große Mengen Quellwasser. Über das historische Kanalsystem wird dieses anschließend auf die trockeneren West- und Südseiten der Insel transportiert und dort für Landwirtschaft und Versorgung genutzt.

Acequias und Canales – Die Lebensadern der Insel

Nachdem das Wasser die Galerien verlässt, wird es über ein weit verzweigtes Netz aus Acequias (offene Bewässerungskanäle) und größeren Canales weitergeleitet. Dieses historische Leitungssystem transportiert das Wasser von den feuchten Höhenlagen bis in die landwirtschaftlich genutzten Täler.

Entlang vieler Wanderwege begegnet man diesen Wasserläufen. Ihr stetiges Plätschern gehört ebenso zur Landschaft wie die Lorbeer- und Kiefernwälder. Gleichzeitig sorgen die offenen Kanäle durch Verdunstung für eine leichte natürliche Kühlung ihrer unmittelbaren Umgebung.

Balsas – Die Wasserreservoirs der Insel

Überall auf La Palma fallen die großen, meist mit schwarzer Spezialfolie ausgekleideten Speicherbecken auf – die Balsas. Sie speichern Wasser für die trockenen Sommermonate, wenn der Bedarf der Landwirtschaft besonders hoch ist. Eine gut gefüllte Balsa ist für einen Bananenfarmer auf der Westseite der Insel von unschätzbarem Wert und sichert die Bewässerung der Plantagen auch in niederschlagsarmen Zeiten.

Balsa-Speicherbecken, Wasserreservoir für die Landwirtschaft.
Balsa-Speicherbecken, Wasserreservoir für die Landwirtschaft.

Wasserrechte – Wasser als Aktie

Das Faszinierendste am Wassersystem La Palmas ist seine rechtliche Struktur. Wasser gehört traditionell nicht dem Staat, sondern überwiegend privaten Gemeinschaften – den sogenannten Heredamientos.

Die Wasserrechte sind in Anteile (Acciones de agua) aufgeteilt und können ähnlich wie Wertpapiere gekauft, verkauft, vererbt oder verpachtet werden. So kann jemand zwar Eigentümer eines Grundstücks sein, besitzt jedoch nicht automatisch auch das Recht auf Wasser und muss dieses gegebenenfalls zusätzlich erwerben. An den historischen Verteilerkästen bestimmen präzise eingestellte Schieber und Öffnungen, welcher Eigentümer wann und wie viel Wasser erhält. Dieses ausgeklügelte Verteilungssystem funktioniert seit Jahrhunderten zuverlässig.

Die kanarische Kiefer als natürlicher Wassersammler

Ein oft unterschätzter Bestandteil des Wasserkreislaufs ist die Kanarische Kiefer (Pinus canariensis). Ihre langen Nadeln fangen die Feuchtigkeit der Passatwolken auf. Die kondensierenden Wassertröpfchen fallen anschließend zu Boden und versickern langsam im vulkanischen Untergrund. Dieser sogenannte horizontale Niederschlag liefert in vielen Hochlagen mehr Wasser als der eigentliche Regen und trägt wesentlich dazu bei, die Grundwasservorkommen der Insel zu speisen.

Die Kanarische Kiefer kämmt mit ihren langen Nadeln die Feuchtigkeit aus den vorüberziehenden Wolken
Die Kanarische Kiefer kämmt mit ihren langen Nadeln die Feuchtigkeit aus den vorüberziehenden Wolken

Wanderung durch das Wassersystem: Marcos y Cordero

Die eindrücklichste Möglichkeit, das Wassersystem La Palmas zu erleben, ist die Wanderung zu den Marcos-y-Cordero-Quellen. Dreizehn Tunnel, gegraben im frühen 20. Jahrhundert, führen an Acequias entlang bis zu den Quellen im Lorbeerwald. Das Wasser, das man dabei begleitet, fließt noch heute – es versorgt Plantagen auf der Westseite, die ohne diesen Stollen trocken wären.

Wasserkanal der Marcos-y-Cordero-Quellen – Wanderroute durch den Lorbeerwald im Norden La Palmas.
Wasserkanal der Marcos-y-Cordero-Quellen – Wanderroute durch den Lorbeerwald im Norden La Palmas.

Was die Wanderung besonders macht: Man erlebt ein funktionierendes historisches Ingenieurswerk hautnah. Kein Museum, kein Modell – das echte System, das noch arbeitet.

Wichtiger Hinweis:

Für die Wanderung sind Helm, Stirn- oder Taschenlampe sowie eine wasserdichte Regenjacke unverzichtbar. In einigen Tunneln tropft ständig Wasser von der Decke, zudem sind die Tunnel niedrig und uneben. Vor der Tour sollte man sich unbedingt über den aktuellen Zustand und mögliche Wegsperrungen informieren.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann man das Leitungswasser auf La Palma trinken?

Ja. Das Leitungswasser erfüllt die gesetzlichen Anforderungen an Trinkwasser und wird regelmäßig kontrolliert. Aufgrund des häufig höheren Chlorgehalts und des mineralischen Geschmacks greifen viele Einheimische und Urlauber zum direkten Trinken sowie für Kaffee oder Tee dennoch auf den Trinkwasserkanister aus dem Supermarkt zurück.

Wie kann man das Wassersystem am besten erleben?

Die eindrucksvollste Möglichkeit bietet die Wanderung zu den Quellen von Marcos y Cordero im Nordosten der Insel. Der Weg führt entlang eines aktiven Wasserkanals durch mehrere historische Tunnel bis zu den Quellaustritten im Lorbeerwald und vermittelt einen einzigartigen Eindruck von der jahrhundertealten Wasserwirtschaft La Palmas.

Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: Mai 2026

www.sunhikes.com