500 Jahre Landwirtschaft auf La Palma – immer wieder neu erfunden
La Palma hat eine Landwirtschaftsgeschichte, die liest sich wie eine Serie von Boom und Bust: Eine Kultur floriert, verändert das Gesicht der Insel, bricht ein – und die Insel findet das nächste Produkt. Zuckerrohr, Wein, Seide, Cochenille, Bananen. Fünf Zyklen in 500 Jahren, jeder mit eigenem Reichtum und eigenem Ende. Was bleibt, ist eine Insel, die gelernt hat, sich neu zu erfinden.

Gerade diese Fähigkeit, sich immer wieder neu anzupassen, gehört bis heute zu den größten Stärken La Palmas. Wer heute über die Insel fährt, entdeckt überall Spuren dieser Geschichte – von alten Zuckerrohrmühlen über historische Weinterrassen bis hin zu den ausgedehnten Bananenplantagen an den Küsten.
Die fünf großen Agrar-Epochen La Palmas
| Epoche | Landwirtschaft | Bedeutung | Warum endete sie? |
|---|---|---|---|
| 16. Jahrhundert | Zuckerrohr | Erster großer Wohlstand der Insel | Billiger Zucker aus Amerika verdrängte die heimische Produktion |
| 16.–19. Jahrhundert | Malvasía-Wein | Export in ganz Europa, besonders nach England | Mehltau, Rebkrankheiten und Handelskonflikte |
| 16.–18. Jahrhundert | Seide | Bedeutendes Handwerk mit europäischem Ruf | Konkurrenz industrieller Produktion |
| 19. Jahrhundert | Cochenille | Wichtigster Naturfarbstoff Europas | Synthetische Anilinfarben machten Karmin überflüssig |
| seit Ende 19. Jahrhundert | Plátano Canario | Bis heute wichtigste Landwirtschaft der Insel | Heute Herausforderungen durch Klimawandel, Wasser und Vulkanausbrüche |
Zuckerrohr – das erste goldene Zeitalter (16. Jahrhundert)
Nach der kastilischen Eroberung entwickelte sich La Palma bereits im 16. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Zuckerinseln des Atlantiks. Die zahlreichen Quellen, das milde Klima und die fruchtbaren Vulkanböden boten ideale Bedingungen für den Zuckerrohranbau. Schon wenige Jahrzehnte später exportierte die Insel große Mengen des damals äußerst begehrten „weißen Goldes“ nach Europa.
Der Wohlstand dieser Zeit ist bis heute sichtbar. Mit den Einnahmen entstanden Renaissancekirchen, prächtige Herrenhäuser und kostbare flämische Altäre, die noch heute zahlreiche Kirchen der Insel schmücken. Auch Santa Cruz de La Palma entwickelte sich zu einem der wichtigsten Häfen des spanischen Weltreichs.
Doch der Boom hielt nicht dauerhaft an. Als die riesigen Plantagen in der Karibik und Brasilien den europäischen Markt mit deutlich günstigerem Zucker versorgten, verlor La Palma seine Wettbewerbsfähigkeit. Die Insel musste sich neu orientieren.
Malvasía – der Wein der Könige Europas (17.–19. Jahrhundert)
Auf den ehemaligen Zuckerrohrfeldern entstanden Weinberge. Besonders der süße Malvasía-Wein entwickelte sich schon bald zu einem der berühmtesten Exportprodukte der Kanaren. Vor allem in England war der sogenannte „Canary Wine“ ein Luxusgut, das an Königshöfen und in den Häusern des Adels ausgeschenkt wurde.
Sogar William Shakespeare erwähnte den kanarischen Wein mehrfach in seinen Werken und trug damit zu seinem legendären Ruf bei. Zeitgenössische Händler beschrieben insbesondere die Weinberge der Region Las Breñas als Herkunft einiger der besten Weine Europas.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts beendeten Rebkrankheiten, Mehltau sowie politische Handelskonflikte den großen Exportboom. Ganz verschwunden ist der Weinbau jedoch nie. Heute erlebt der vulkanische Malvasía unter der geschützten Herkunftsbezeichnung D.O. La Palma eine beeindruckende Renaissance. Vor allem in Fuencaliente, Mazo und den Breñas entstehen wieder hochwertige Weine, die zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten.
Seide – La Palma als Spitzenproduzentin
Parallel zum Wein entwickelte sich La Palma im 16. und 17. Jahrhundert zum bedeutendsten Zentrum der Seidenproduktion auf den Kanarischen Inseln. Vor allem rund um El Paso wurden Maulbeerbäume angepflanzt, deren Blätter den Seidenraupen als Nahrung dienten.
Die Herstellung war äußerst aufwendig. Von der Aufzucht der Raupen über das Abhaspeln der feinen Fäden bis zum Färben und Weben erfolgte jeder Arbeitsschritt in Handarbeit. Hochwertige Stoffe aus La Palma wurden weit über die Kanaren hinaus gehandelt.
Heute lebt dieses außergewöhnliche Handwerk im Museo de la Seda in El Paso weiter. Es gilt als die einzige Werkstatt Europas, in der der gesamte Herstellungsprozess traditioneller Seide noch vollständig vorgeführt wird – von der Raupe bis zum fertigen Stoff. Besucher erleben dort ein Handwerk, das seit Jahrhunderten nahezu unverändert geblieben ist.
Cochenille – das teuerste Rot seiner Zeit
Nach dem Niedergang des Weinexports begann im 19. Jahrhundert das nächste Kapitel der Landwirtschaft. Aus Mexiko gelangte die Cochenille-Laus auf die Kanaren. Die winzigen Insekten leben auf Feigenkakteen (Opuntien) und liefern den intensiv roten Naturfarbstoff Karmin, der damals in der europäischen Textilindustrie äußerst begehrt war.
Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden auf La Palma große Opuntienplantagen. Das Geschäft war so lukrativ, dass Karmin zeitweise zu den wertvollsten Exportgütern der Insel gehörte.
Mit der Erfindung synthetischer Anilinfarben Ende des 19. Jahrhunderts brach dieser Wirtschaftszweig jedoch nahezu vollständig zusammen. Die Kakteen sind bis heute vielerorts auf der Insel erhalten geblieben, und mit etwas Aufmerksamkeit erkennt man auf ihren Blättern noch immer die charakteristischen weißen Cochenille-Läuse.
Bananen – das grüne Gold der Gegenwart
Seit dem späten 19. Jahrhundert prägen Bananenplantagen das Landschaftsbild La Palmas. Britische Handelshäuser erkannten früh die außergewöhnlich guten Bedingungen des Aridane-Tals: fruchtbare Vulkanböden, viel Sonne und ein ausgeglichenes Klima.
Heute produziert La Palma jährlich rund 140.000 bis 150.000 Tonnen Plátano Canario und zählt zu den wichtigsten Anbaugebieten der Kanaren. Die kleineren Früchte reifen deutlich länger an der Staude als Importbananen und entwickeln dadurch ihr besonders intensives Aroma.
Der Vulkanausbruch des Tajogaite im Jahr 2021 traf den Bananenanbau jedoch schwer. Rund 370 Hektar Plantagen verschwanden unter meterhohen Lavaströmen, Bewässerungsleitungen wurden zerstört und zahlreiche Familien verloren ihre Existenz. Seitdem laufen umfangreiche Rekultivierungsmaßnahmen, neue Leitungen wurden verlegt und viele Flächen werden Schritt für Schritt wieder nutzbar gemacht.
Die Zukunft der Landwirtschaft
Die Geschichte La Palmas zeigt, dass sich die Insel immer wieder neu an veränderte Bedingungen angepasst hat. Auch nach dem Tajogaite-Ausbruch entstehen neue Perspektiven. Während zahlreiche Betriebe ihre Bananenplantagen wiederaufbauen, setzen andere verstärkt auf Avocados, die mit weniger Wasser auskommen und international stark nachgefragt werden.
Gleichzeitig gewinnt der hochwertige Weinbau weiter an Bedeutung, und viele landwirtschaftliche Betriebe kombinieren heute traditionelle Produktion mit nachhaltigem Tourismus. Historische Fincas, Weinberge und Obstgärten werden zu authentischen Urlaubsorten, an denen man Landwirtschaft und Inselgeschichte unmittelbar erleben kann.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann man auf La Palma noch echte handgefertigte Seide kaufen?
Worin unterscheiden sich die Bananen von La Palma von Importbananen?
Kann man historische Weingüter auf La Palma besichtigen?
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com. Stand: Mai 2026


